Vielfalt der Religionen

In der Kindertagesstätte begegnen sich Kinder aus verschiedenen Kulturen und Religionen. Kinder sind neugierig und wollen ... [weiter]

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Veröffentlichungen

Zusammen mit zahlreichen Vorträgen des Symposions wurden die Ergebnisse des Pilotprojekts ... [weiter]

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Informationen zur Stiftung Ravensburger Verlag

Die gemeinnützige Stiftung Ravensburger Verlag wurde im Jahr 2000 ... [weiter]

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Ergebnisse der Pilotstudie

Das Pilotprojekt

Ein einjähriges Pilotprojekt unter dem Titel "Interkulturelle und interreligiöse Bildung in Kindertagesstätten" fand 2006-2007 ebenfalls unter Leitung von Prof. Dr. A. Biesinger und Prof. Dr. F. Schweitzer und unter Finanzierung der Stiftung Ravensburger Verlag an der Universität Tübingen statt. Die Ergebnisse des Pilotprojekts wurden im Mai 2007 von Dr. A. Edelbrock bei einem Symposion in Köln erstmals öffentlich vorgestellt.

Im Zentrum der qualitativen und quantitativen Untersuchung stand der Zusammenhang zwischen interkultureller und interreligiöser Bildung in der Kindertagesstätte. Die konsequente Berücksichtigung der interreligiösen Dimension ist der zentrale innovative Beitrag dieses Forschungsprojekts.

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Bislang werden religiöse Fragen
selbst bei den neuesten Darstellungen zur Qualität von Kindertagesstätten weithin vernachlässigt oder ganz ausgeblendet.

Kurzbeschreibung der Stichprobe

Für die quantitative Erhebung wurden mit Hilfe eines Fragebogens Kindertageseinrichtungen in Städten, in denen ein großer Anteil der Bevölkerung über einen Migrationshintergrund verfügt, befragt. Bei unserer Stichprobe fiel die Wahl auf die Städte Hamburg, Frankfurt am Main, Mannheim/Ludwigshafen, Stuttgart und Aachen. Wenn in Ostdeutschland auch weitaus weniger Menschen mit Migrationshintergrund leben, so war es uns doch wichtig, auch Einrichtungen im Osten Deutschlands mit im Blick zu haben. Hier fiel unsere Wahl auf die am östlichsten liegende Großstadt Dresden. Den Fragebogen versandten wir 1698mal an Kindertagestätten in den genannten sieben Städten. 364 ausgefüllte Fragebogen wurden zurückgesandt und von uns ausgewertet.

Religiöse Fragen im Kindergartenalltag

Die nun erstmals der Öffentlichkeit präsentierten empirischen Befunde machen deutlich, wie wichtig der Einbezug religiöser Aspekte in der Kindertagesstätte ist. Religiöse Fragen und Probleme werden von den Kindern und ihren Eltern aufgeworfen. Häufig betreffen sie das Verhältnis zwischen Christentum und Islam in der Erziehung. Wiederkehrende Beispiele stellen Kleidungsvorschriften, das gemeinsame Essen, unterschiedliche Speisevorschriften, Gebete vor dem Essen, Feste im Jahreskreis sowie die Elternarbeit dar. Bislang werden solche Fragen in der Praxis nur in einer Minderheit von Kindertagesstätten in wirksamer Form aufgenommen.

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Die Untersuchung belegt zugleich, dass die fehlende Wahrnehmung interkultureller und interreligiöser Bildungsaufgaben keineswegs einfach den Erzieherinnen anzulasten ist.

Vielmehr fehlt es an einer wirkungsvollen Unterstützung für die Erzieherinnen. Bereits bei der Ausbildung, aber später auch bei der Fortbildung werden religionspädagogische Fragen zu wenig berücksichtigt. Von Seiten der Träger wünschen sich viele Erzieherinnen ebenfalls mehr Kooperation in dieser Hinsicht. Insgesamt fehlt es an Modellen, Materialien und Beispielen, an denen sich die Praxis besonders bei der interreligiösen Bildung orientieren könnte.

Kirchliche und nicht-kirchliche Einrichtungen

Bei alldem dürfen die Unterschiede zwischen Einrichtungen in kirchlicher und in nicht-kirchlicher Trägerschaft nicht übergangen werden. Kirchliche Einrichtungen gewährleisten deutlich mehr religionspädagogische Begleitung als nicht-kirchliche Einrichtungen. Die angefragten kirchlichen Kindertagesstätten setzen sich mit einem großen Engagement für christliche Bildung ein, beschränken sich dabei aber häufig auf den christlichen Bereich, denn nur in einem geringen Maß werden dabei Fragen des interreligiösen Dialogs thematisiert. In den nicht-kirchlichen Einrichtungen wird christliche Bildung in weit geringerem Umfang gefördert, ähnliches gilt hier für interreligiöse Bildung. Insgesamt gilt jedoch, dass weder eine für alle Kinder zugängliche religiöse Begleitung gesichert ist noch eine allgemeine Wahrnehmung interreligiöser Bildungsaufgaben. Viele Kinder bleiben mit ihren religiösen Fragen und Orientierungsbedürfnissen einfach allein.

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Das gilt auch für die religiöse Begleitung der Kinder insgesamt, insbesondere in den häufig anzutreffenden multikulturell und multireligiös zusammengesetzten Gruppen.

Aufgaben künftiger Projekte

Dieser Befund verweist auf einen akuten Handlungsbedarf in Praxis, Politik, Öffentlichkeit und Wissenschaft. Die vorliegende Untersuchung besitzt Pilotcharakter. Die Befunde sind aussagekräftig, aber nicht repräsentativ. Dringlich ist eine repräsentative Untersuchung zu interkultureller und religiöser bzw. interreligiöser Bildung in Kindertagesstätten, die bislang in entsprechenden Berichten auch der staatlichen Stellen sträflich vernachlässigt wird. In der Öffentlichkeit muss ein Bewusstsein dafür entstehen, dass ungelöste Probleme der gesellschaftlichen Integration bereits in der Kindheit beginnen und dass Kinder eine entsprechende Begleitung brauchen. Dazu ist es notwendig, Modelle gelingender Praxis zu identifizieren, ihre Arbeit wissenschaftlich auszuwerten und ihre Anregungen in der Ausbildung und Fortbildung aufzunehmen. Auf diese Weise können ihre Erfahrungen auch anderen Einrichtungen zugute kommen.

Kinder haben ein Recht auf Religion und religiöse Begleitung. Die Erwachsenen dürfen den Kindern den Zugang zu Religion und Transzendenz nicht verweigern. Darüber hinaus können von interkultureller und interreligiöser Bildung wichtige Beiträge zur Wertebildung ausgehen, im Sinne von Toleranz und wechselseitiger Achtung, von Respekt und Anerkennung. Es ist Zeit, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Religionen in der Kindertagesstätte

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Folgende prägnante Ergebnisse aus dem Tübinger Forschungsprojekt "Interkulturelle und interreligiöse Bildung in Kindertagesstätten" machen nachdenklich:

Wie zu erwarten, findet sich bei unserer Stichprobe ein größerer Anteil christlicher Kinder in konfessionellen Einrichtungen (55%) als in den nicht-konfessionellen (42,2 %). Fast ein Fünftel der Kinder (17,9%) in den konfessionellen Einrichtungen sind muslimische Kinder. In Interviews wurde deutlich, dass muslimische Eltern teilweise bewusst eine christliche Einrichtung wählen, da es ihnen wichtig ist, dass überhaupt eine religiöse Erziehung stattfindet. In den kommunalen Einrichtungen nähert sich die Anzahl der christlichen und muslimischen Kinder an (42,2% christliche Kinder, 27,1% islamische Kinder). Die nächst kleinere Gruppe sind die Kinder ohne Bekenntnis (19,7 % bzw. 17,7%).

Als ein erstes Ergebnis aus unserer Fragebogenuntersuchung kann zunächst festgehalten werden, dass der größte Teil der Kinder einer Religionsgemeinschaft angehört. Dabei rücken für die interreligiöse Bildung insbesondere das Christentum und der Islam in das thematische Zentrum.

"Marmeladenbrot oder Wurstbrot?"

Ein Beispiel aus den Interviews verdeutlicht, dass mit der Anwesenheit von Kindern unterschiedlicher Religionen diese Religionen dann auch zum Thema werden - und zwar nicht nur in konfessionellen Einrichtungen, wie das folgende Beispiel aus einer städtischen Einrichtung zeigt. Folgende Situation spielte sich in der Einrichtung ab: Die Kinder bringen - wie oft üblich - ihr Frühstück von zu Hause mit. 4 bis 5 Kinder sitzen in Gruppen an Tischen und nehmen gemeinsam ihr Frühstück ein. In den dabei aufkommenden Gesprächen muss es, wie ein späterer Elternabend zeigte, auch zur Thematisierung des Frühstückes selbst gekommen sein. Denn auf dem Elternabend berichteten Eltern nicht-muslimischer Kinder, dass ihre Kinder keine Wurst auf das Frühstücksbrot für den Kindergarten haben wollten. Nur mit Marmelade, Nussnougatcreme oder Käse gäben sie sich zufrieden. Der Grund für die Ablehnung des Wurstbrotes sei, dass die muslimischen Kinder immer wieder betonen würden, es sei nicht gut, Schweinefleischwurst zu essen.

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Hier also ein Beispiel wie interreligiöse Fragen im Alltag einer nicht-konfessionellen Kindertagesstätte von den Kindern selbst zum Thema gemacht werden.

Bei einem solchen Tischgespräch sind die Kinder dann auch ganz schnell bei der Frage angelangt: Wer hat Recht? Ist es in Ordnung Schweinefleisch zu essen oder nicht? Und damit sind sie ganz nah an einer klassischen interreligiösen Grundfragestellung angelangt: Wo liegt die Wahrheit?

Kaum Chancen für Kinder religiöse Feste kennen zu lernen und zu feiern

Ein weiterer Aspekt zeigt sich in der Thematisierung und dem Feiern religiöser Feste und Bräuche. Kinder, die in konfessionellen Einrichtungen sind, haben größere Chancen, die Feste im Jahreskreis - sowohl die christlichen als auch die muslimischen Feste religiös kennen zu lernen und zu feiern. Und für die christlichen Feste gilt dies mit hohem Abstand zu den nicht-konfessionellen Einrichtungen.

Die muslimischen Feste werden in nicht-konfessionellen Einrichtungen ungefähr gleichhäufig religiös gefeiert wie in konfessionellen Einrichtungen.

82,8% aller befragten Einrichtungen feiern das Sankt-Martins-Fest regelmäßig. In 74,4% der befragten Einrichtungen wird dies auch in religiöser Form gemacht, d. h. die Kinder lernen Geschichten von Sankt Martin kennen. Differenziert man zwischen den von uns befragten konfessionellen und nicht-konfessionellen Einrichtungen so ergibt sich, dass in fast allen konfessionellen Einrichtungen (95,8%) das Sankt-Martins-Fest gefeiert wird und dabei auch die Geschichten von Sankt Martin erzählt werden. Bei den nicht-konfessionellen Einrichtungen ist es so, dass 59% von ihnen das Sankt-Martins-Fest feiern. 1/3 aller nicht-konfessionellen Einrichtungen tun dies "religiös".

Auch Weihnachten und Ostern wird in den befragten Einrichtungen gefeiert. Weihnachten wird in 72,3% der Einrichtungen immer gefeiert. Hierbei wird auch von der Geburt Jesu erzählt - also keine säkularisierte Form. Ostern wird insbesondere in nicht-konfessionellen Einrichtungen regelmäßig in Form eines Frühlingsfestes gefeiert (72%), in konfessionellen hingegen steht die Auferstehung Jesu in 87,4% der Einrichtungen im Mittelpunkt des Festes.

Interreligiöse Bildung in konfessionellen Einrichtungen

Auffällig ist, dass die konfessionellen Einrichtungen den Bereich der interreligiösen Bildung deutlich intensiver realisieren als die nicht-konfessionellen Einrichtungen (31,5 zu 22,65 von 100 möglichen Punkten).

Zudem fällt auf, dass die Träger der konfessionellen Einrichtungen sowohl im religiösen als auch im interreligiösen Bereich engagierter sind als die Träger nicht-konfessioneller Einrichtungen. Dabei sind erwartungsgemäß die Unterschiede im religiösen Engagement extrem groß, die Unterschiede im interreligiösen Bereich sind weniger groß. Es ist wichtig, dass sowohl konfessionelle als auch nicht-konfessionelle Einrichtungen ihre Bemühungen in diesem Bereich ausbauen.

diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 10.08.2010